Die Rüstungsindustrie boomt. Der Mittelstand schaut zu.

Christian Reckel

Warum Auftragsrekorde, Rohstoffabhängigkeit und Zertifizierungshürden zusammen ein Muster ergeben

Hensoldt meldete für 2025 einen Auftragseingang von 4,71 Milliarden Euro — 62 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Umsatz wuchs um knapp 10 Prozent auf 2,46 Milliarden Euro. Book-to-Bill: 1,9. Der Auftragsbestand steht bei 8,83 Milliarden Euro.

Die Metall- und Elektroindustrie baute im gleichen Jahr 102.600 Stellen ab. Das Produktionsplus von 2,1 Prozent im vierten Quartal 2025 kam ausschließlich aus Rüstungsaufträgen.

Im Überblick

  • Der Stau
  • Die Rohstofffalle
  • Die Einstiegsschwelle
  • Die Einordnung

Der Stau

Auftragseingang fast doppelt so hoch wie der Umsatz. Hensoldt reagiert: 1.600 Neueinstellungen 2026, rund eine Milliarde Euro Kapazitätsinvestitionen bis 2027. Die Aumovio-Kooperation überführt bis zu 600 Automotive-Mitarbeiter aus Ulm, Lindau und Markdorf in die Rüstungsfertigung — aus Werken, die durch den Rückgang in der Automobilindustrie Kapazität freihaben.

Freie Kapazität in der Industrie. Offene Aufträge bei den Primes. Beides findet nicht zusammen. „Bereinigt um die meist staatlich finanzierten Rüstungsaufträge sei die Auftragslage nach wie vor im Keller." (dpa, 7. Februar 2026)

Die Rohstofffalle

Im März 2026 schloss Hensoldt eine Langfristvereinbarung über 900.000 GaN-Halbleiterkomponenten mit United Monolithic Semiconductors — Lieferung bis 2030, für die SPEXER-Radarfamilie.

Hintergrund: Am 3. Dezember 2024 verschärfte Peking die Exportkontrollen für Gallium, Germanium und weitere Materialien. Gallium ist das Schlüsselmaterial für GaN-Halbleiter in Radarsystemen. Das Danish Institute for International Studies analysierte im Februar 2026: China dominiert Förderung oder Verarbeitung von zehn der zwölf Rohstoffe, die die NATO im Dezember 2024 erstmals als verteidigungskritisch eingestuft hat.

Die Europäische Investitionsbank finanzierte im Januar 2026 mit 90 Millionen Euro das erste europäische Galliumproduktionsprojekt (METLEN, Griechenland). Wann die Produktion beginnt: nicht öffentlich kommuniziert.

Die Einstiegsschwelle

Laut DIHK-Konjunkturumfrage (April 2026, rund 5.000 befragte Betriebe) sind 30 Prozent der Metallverarbeitungsbetriebe bereits in der Verteidigungswertschöpfungskette aktiv. Rüstungszulieferer messen +11 Punkte Geschäftserwartung — die übrige Industrie −9 Punkte.

Der Druck in Richtung Rüstungsmarkt ist messbar. 79 Prozent der von der Verbrenner-Transformation betroffenen Autozulieferer suchen aktiv neue Märkte. Nur 25 Prozent davon bauen Geschäft im Rüstungssektor auf.

Der Markteinstieg ist keine Technologiefrage. Der Eintritt setzt einen kumulierten Zertifizierungsstack voraus: EN 9100, AQAP, DIN 2303, ISO 27001, ISO 14001 — vorfinanziert, ohne gesicherten ersten Auftrag.

Die Einordnung

Das Auftragsvolumen ist für alle sichtbar. 8,83 Milliarden Euro Auftragsbestand, Book-to-Bill 1,9. Chinas Exportkontrollen auf Gallium treffen alle potentiellen Markteinsteiger gleich. Der Zertifizierungsstack — EN 9100, AQAP, DIN 2303 — kostet für alle dasselbe.

Was die 30 Prozent der Metallbetriebe, die bereits in der Verteidigungswertschöpfungskette aktiv sind, von den übrigen 70 Prozent trennt, ist nicht Technologie. Es ist eine interne Entscheidung: den Zertifizierungsstack vorfinanzieren, bevor der erste Auftrag eingeht — nicht danach.

Wer sie aufschiebt, zahlt mehr. Der Auftragsbestand wächst. Die Einstiegsschwelle wächst mit.


Quellen: Hensoldt / defence-industry.eu · dpa / ad-hoc-news.de · FTI-Andersch / Allensbach · DIHK · European Investment Bank · DIIS · Fastmarkets · Hensoldt.net

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