Standort halten vs. Investitionen verlagern.
Christian Reckel
Maschinenbau unter Druck.
Deutsche Maschinenbauer stehen unter gleichzeitigem Druck aus drei Richtungen. Der VDMA prognostiziert für 2026 leichtes Wachstum. Die aktuellen Zahlen zeigen etwas anderes.
Im Überblick
- Die Zollfalle
- Der Frühindikator
- Die schleichende Verlagerung
- Die Einordnung
Die Zollfalle
US-Exporte 2025: 25,2 Milliarden Euro. Nominal −8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. VDMA-Daten belegen, dass die USA trotz dieses Rückgangs der wichtigste Einzelmarkt für deutschen Maschinenbau bleiben — was die Abhängigkeit gegenüber der Zollpolitik erhöht, nicht mindert.
Bereits heute greifen 50 Prozent Sonderzölle auf den Metallanteil deutscher Industriegüter. Ab Juni 2026 kommen 25 Prozent Zölle auf Industriemaschinen hinzu — kumuliert über den bestehenden Basissatz. Für ein Unternehmen, das 30 Prozent seines Umsatzes in die USA exportiert und mit einer EBIT-Marge von 6 Prozent operiert, absorbiert allein der Zolleffekt bei unveränderter Kalkulation mehr als die Hälfte der operativen Marge.
Drei Entscheidungsoptionen: Kosten absorbieren, weitergeben oder Markt verlassen. Wer diese Entscheidung noch nicht in der Jahresplanung verankert hat, wird sie zunehmend unter Druck treffen — zu einem Zeitpunkt, an dem alle drei Optionen teurer sind als heute.
Der Frühindikator
23.900 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2025 — der höchste Stand seit über zehn Jahren, wie das Statistische Bundesamt ausweist. Der Fertigungssektor verzeichnete dabei +10,3 Prozent — den steilsten Anstieg aller Branchen.
Für Maschinenbauer mit hoher Kundenkonzentration im Automotive- oder Metallverarbeitungsbereich ist das kein abstrakter Markttrend. 43 Prozent der Maschinenbauer erwarten laut VDMA-Konjunkturumfrage 2026 signifikante Umsatzverluste im laufenden Jahr. 92 Prozent der Automotive-Zulieferer mit Finanzierungsproblemen stoppen Investitionen sofort — darunter Beschaffungsprozesse, die Maschinenbauer direkt betreffen.
Das Timing ist entscheidend. Auftragsausfälle kommen ein bis zwei Quartale vor der formellen Insolvenz. Eine Jahresplanung auf Basis von Bestandskunden-Kontinuität verwendet systematisch einen zu späten Datenpunkt. Die Frage ist nicht, ob Kunden ausfallen werden. Die Frage ist, welche Frühwarnsignale bereits heute vorliegen — und ob sie gelesen werden.
Die schleichende Verlagerung
Kapazitätsauslastung im deutschen Maschinenbau Januar 2026: 77,1 Prozent, wie das ifo Institut im Rahmen seiner Konjunkturerhebung ausweist. Der Vollkosten-Break-even liegt in kapitalintensiver Fertigung typischerweise bei 80 Prozent. Wer dauerhaft darunter operiert, kann Abschreibungen nicht aus dem laufenden Betrieb decken — und verliert damit die Fähigkeit zur Reinvestition.
VDMA-Präsident Kawlath formulierte es auf der Hannover Messe im April 2026 direkt: Mitglieder wollen den deutschen Standort halten. Neue Investitionen gehen trotzdem ins Ausland. 40 Prozent der befragten Unternehmen prüfen eine Verlagerung außerhalb der EU.
Das ist kein abrupter Abzug. Es ist eine schrittweise Aushöhlung der Zukunftsfähigkeit bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Bestandsgeschäfts. Mann+Hummel kündigt die Schließung des Werks Speyer an — 600 Stellen bis Ende 2028. Bestandskapazität bleibt. Zukunftsinvestitionen wandern ab. Das Muster wiederholt sich in mehreren Unternehmen der Branche parallel.
Die Einordnung
Drei Druckpunkte. US-Zölle, Insolvenzen bei Kunden, Verlagerung ins Ausland.
Kein CEO der Branche kann einen davon abwenden oder allein beeinflussen. Unternehmensinterne Entscheidungen dagegen schon — und deren Timing bestimmt, welche Optionen noch offenstehen.
Die Aufgabe ist nicht, alle drei Druckpunkte gleichzeitig zu bearbeiten. Die Aufgabe ist, den Engpass im Unternehmen zu kennen, der dem externen Marktdruck mit dem größten Hebel entgegenwirkt. Wo die eigene Begrenzung sitzt, entscheidet, welche Kennzahl als erste nachgibt. Wer diesen Punkt nicht kennt, optimiert alles gleichzeitig. Alles wird langsamer. Alles wird teurer.
Ein Fertigungsunternehmen, das seine Kapazitätsauslastung von 77 auf 85 Prozent steigert — ohne Neuinvestition, allein durch Beseitigung des dominierenden Engpasses im Auftragsablauf — verändert seine Kostensituation strukturell. Das schafft Spielraum für Entscheidungen, die heute unter Druck getroffen werden müssen. Es verändert nicht die Zölle. Aber es verändert, welche Antwort auf die Zölle möglich ist.
Quellen: VDMA Aktuelle Meldungen · Statistisches Bundesamt: Unternehmensinsolvenzen · ifo Institut Konjunkturperspektiven · Mann+Hummel Pressemitteilungen